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November 5, 2009

Ich muss mal! – Ein prüdes Zeichen

Filed under: Betrachtung — zeig2 @ 10:09 pm

ichmussmal!

«It is almost impossible in occidental culture to show a toilet or someone using the toilet. Instead we are presented with the symbolization of a man and a woman.We can deduce that toilets are »human« – ……And that the best representation of humanity is its act of using toilets – it is the most human act.« Pippo Leoni

Bildzeichen integrieren figürliche Darstellungen des Menschen normalerweise dann, wenn ihre Bedeutung das Handeln des Betrachters zeigen soll, d.h. wenn sie zeigen, was er machen soll.
Konventionelle Toilettenpiktogramme stellen aber nicht das dar, was Mann und Frau tun.
kloschüssel

Nur äußerst selten weist die konkrete Abbildung einer Toilettenschlüssel  den Weg. (Zermatt, Paris „Cafe da la Gare, Hoorn, Kandersteg)

Üblicherweise  verschlüsseln Toilettenschilder ihre Information: Sie sind symbolische Zeichen – Und sie sind prüde Zeichen, denn sie spiegeln den Umgang mit einem Thema, das vorzugsweise nur diskret und nur indirekt ausgesprochen wird. Im Falle des Toilettenschildes haben wir es mit einer ganz außergewöhnlichen Konventionalisierung zu tun. Der Ort und der Akt dessen, der thematisiert werden will, bilden gewiss einen konkreten Sachverhalt, der sich faktisch darstellen ließe. Würde er jedoch in aller Klarheit, ob sprachlich oder bildhaft, artikuliert, würde er Gefahr laufen, als despektierlich empfunden zu werden. Das Symbol Frau-/Manndarstellung verbildlicht eine dezente, zurückhaltende Abstraktion einer zwar menschlichen und dennoch als peinlich empfundenen (Not-)lage.warten

Zur Tatenlosigkeit verdammt. Hier heißt es offenbar warten, warten, warten… (Mainz, Nürnberg, Essen, Neuwied, Münster)

test klobeckenTatsächlich kombinieren schon einige Zeichensysteme der 70er Jahre die Frau-/Manndarstellung mit einem stilisierten Toilettenbecken. Bei ISO Testserien in den Jahren 1979/1980 zur Verständlichkeit von Toilettenzeichen konnten die kombinierten Zeichen (Abb.) mit Abstand am besten erkannt werden. Dennoch konnten sie sich nicht durchsetzen, da sie der Öffentlichkeit zu konkret waren. (1)

Von links: Frau- und Manntoilettenzeichen der ICOGRADA, Frauzeichen von Rudolf Modley und Frau- und Mannzeichen von Gerhard Doerrié

Unbestritten kommt das konventionelle Toilettenzeichen »Frau und Mann« in seiner Erscheinung äußerst profan daher. Die Figuren sind tatenlos. Sie machen nichts, sie stehen da – und sie stehen nur da. Sicher ist, dass das Zeichen in keiner Weise Klartext spricht. Es setzt nicht die Nutzung eines spezifischen Raumes ins Bild, es illustriert keine Verhaltensregel sondern es unterscheidet zunächst einmal lediglich Frau von Mann. Beide geben in Wahrheit keinerlei Hinweis, dem irgendeine Information abzulesen wäre, die Figuren sind völlig aussagelos.

Die Wirksamkeit des Klowegweisers hängt von der Glaubwürdigkeit seiner Geschlechterbeschreibung ab. Deren Eindeutigkeit vermittelt einem Betrachter die Sicherheit, durch die richtige Tür geschickt zu werden, ohne erst hinter sie schauen zu müssen, um sicher zu gehen. Jeder Benutzer vertraut darauf, einen ausschließlich dem eigenen Geschlecht vorbehaltenen Ort vorzufinden, ohne sein Bedürfnis offen artikulieren oder gar offen zu Schau stellen zu müssen.

Formale Sachlichkeit und inhaltliche Diskretion eines seriösen Toilettenschildes berücksichtigen immer die Privatheit des Toilettenraumes und die Intimität der Raumnutzung.

ohne

Ist erst ein Blick hinter die Tür notwendig, kann es für alle Beteilgten peinlich werden. (Siena)

ohne

Das Ausschlussverfahren funktioniert dann, wenn auch wirklich nur zwei Türen zur Auswahl stehen…( Karlsruhe)

verlaufen

Verlaufen in Edam!

türzu

Explizit geforderte Diskretion in Straubing und Düsseldorf.

pinkeln und mehr

Der geschlossene Raum kann über seine eigentliche Bestimmung hinaus zu Nutzungen verleiten, die die allgemeine Auffassung von Privatheit im öffentlichen Raum weit überschreiten. (Nationalpark Südafrika, Braunschweig „Gambit“, Aachen, Frankfurt „Hugendubel“, Düsseldorf, Messe Dortmund)

loch

Hier scheint Durchblick erwünscht. (Düsseldorf „Schiff Ahoi“)

kamera

Die angezeigte Kameraüberwachung impliziert, dass hier alles unter Kontrolle ist. Unbeobachtet lässt sich hier nichts machen. Doch wer möchte hier tatsächlich einfach nur die Toilette benutzen? (Speyer)

Manches Toilettenzeichen kann mehr oder weniger beabsichtigt und je nach Ausformulierung, die Assoziationen erwecken oder verstärken, die per se von öffentlichen Toiletten ausstrahlen und die weit über eine sachlich beabsichtigte Bedeutung hinausreichen. Es kann Gefühle tangieren, die, als subjektive Reaktion, von durchaus unterschiedlichen Toleranzgrenzwerten bestimmt sind. Es kann Emotionen ansprechen, die eine individuelle Schamgrenze bei weitem überschreiten, und Vorstellungen erwecken, die sich – als Reaktion auf mögliche implizite Schlüsselreize – sexuell  stimulierend auswirken. Die naturbedingte Bedürfnisbefriedigung kann allzu leicht in eine assoziierte Nähe zur Triebbefriedigung rücken, eben zur Sexualbefriedigung.

Die Bedeutung „Toiletten“ repräsentieren daher üblicherweise bekleidete Personen. Tatsächlich konnte ich bislang kaum nackt dargestellten Frau-/Mannzeichen finden.

nackt2

(Köln, Nationalpark Südafrika, Münster, Münster)

nackt1

(Berlin, Lanzarot) Wer hat hier bei wem abgeguckt?

Dementsprechend werden nur in Ausnahmefällen Frau und Mann nackt und mit eindeutiger Darstellung der primären Geschlechtsmerkmale oder gar durch den geschlechtstypischen Akt des Wasserlassens unterschieden. Und wenn doch geschieht dies entweder in abstrahiert reduzierter, oder aber – im Gegenteil – in derb humoristischer Art und Weise.symbolsymbolsymbol

pinkeln(Berlin „Propeller Island“, Edam)

(Gent, Grünau, Paris, Koblenz, Gengenbach, ParisnixenList auf Sylt, Berlin, Edam)

(List auf Sylt „Gosch“)

Üblicher Weise stellt das konventionelle Frau-Mannzeichen aber auch nur erwachsene Personen dar. Dennoch finden sich zahlreiche Darstellungen, die eindeutig kindliche Züge aufweisen. Die besonders exaltierte und aktiv erscheinende Gestik der Figuren lässt den Rückschluss auf Kindliches zu. Weit ausgebreitete Arme suggerieren hingebungsvolle und ahnungslose Offenheit, Schleifchen auf dem Kopf zielen auf Sympathie und emotionale Identifikation mit der Figur.

Bemerkenswert ist hier aber vor allem, dass diesen niedlich anmutenden Bildzeichen das gestattet wird, was den Zeichen, die erwachsene Menschen darstellen, ansonsten verschämt abgesprochen wird – sie dürfen einfach und ungeniert pinkeln! Die Jungs sogar im Stehen!

stehpinkeln

(Kirmes Düsseldorf, Osnabrück, Düsseldorf)

Als unverblümter Akt kindlicher Unschuld und Direktheit scheint der Darstellung der Handlung die Despektierlichkeit und Brisanz genommen zu sein und darf direkt als Akt der Benutzung gezeigt werden – gerade so, wie wenn Kinder keine Scham besäßen…

(1) AP Report 100, Januar 1981, Applied Psychology Department, University of Aston in Birmingham. Leitung R.S. Easterby und I.R. Graydon.)

(Von links nach rechts und von oben nach unten: Kassel, Roermond, Lille, Düsseldorf, Roermond, Straßkirchen, Köln, Keitum, Troisdorf, Köln, Keitum, Troisdorf, Berlin, Aachen, Flensburg, Berlin, Aachen, Flensburg)

KINDER1KINDER2KINDER4

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