zeichenzeigen

November 7, 2009

Vom praktischen Nutzen der Bilder

Filed under: Ursprung — zeig2 @ 9:07 pm

zeichen, bilder, kommunikationDie Nutzung von Bildsprache als Kommunikationsform und Informationsträger hat sich in allen Bereichen unseres Lebens gegen die Verbal- und Schriftinformation, und das mit zunehmender Tendenz, etabliert. Galt Adrian Frutigers Sorge 1978 noch allein dem Umstand, dass das geschriebene Wort als Informationstafel in seiner linearen Erscheinung zu große Schilder in Anspruch nehmen würde (1), so spricht die Kommunikationswissenschaft heute vom postmodernen “Iconic Turn”, der Rückkehr zur bildhaften Kommunikation. Die eifrige Technologisierung und Globalisierung fordern heute die Erfüllung des Bedarfs an internationaler, kultur- und sprachübergreifender Benutzeroberflächen-, Kommunikations- und Informationssystematisierung. Da die globale Mobilität nicht nur gestiegen, sondern obligatorisch ist, steigt proportional zur Entwicklung die Notwendigkeit von schnellstmöglicher und unkomplizierter Kommunikation. Der Bedarf kann nur durch bildhafte, zeichenhafte Sprache erfüllt werden, denn es gibt ansonsten keine globale und schnellere Sprache. (2)

Schon der frühzeitliche Mensch orientierte sich an den natürlichen Zeichen des Sternenhimmels und artikulierte sich mit Hilfe selbst gemachter Zeichen und Markierungen. Hatten die ersten zeichenhaften Hinterlassenschaften noch vornehmlich bannenden und beschwörenden Charakter ohne konkrete Informationsabsicht, so bewerten wir sie dennoch als erste kommunikative Spuren des Menschen. menschdarstellung

Menschendarstellungen gab es im Vergleich zu Tierdarstellungen eher selten. Allerdings gibt es eine Fülle von Bedeutungszeichen, die neben der reinen Jagdmagie die kultische Verehrung weiblicher Fruchtbarkeit auszudrücken scheinen.
Ursymbolische franko- kantabrische Ritzungen mit eindeutig weiblicher und männlicher Ursymbolik.(15.000 bis12.000 v.Chr.)(8)

Das Hinterlassen von Zeichen mit kommunikativen Zielen (3) bedeutet den Schritt, von direkter und privater Ansprache, vis á vis, hin zur nonverbalen Kommunikation. Die Zeichen wirken als soziales Instrument, denn Verständigung bedingt nun nicht länger Präsenz, sondern steht einer beliebigen Öffentlichkeit zur Disposition. Von der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht wurde der Weg in die indirekte und einseitige, öffentliche Kommunikation geebnet.

schrift

Zahlreiche Zeichen und geritzte Menschfiguren weisen zwar eine Ähnlichkeit mit Schriftzeichen auf, verfügen jedoch über keine enstprechende Systematik. Über ihre konkrete Bedeutung herrscht nach wie vor Unklarheit. Rechts: Ritzung aus Alta, Hjemmeluft, Norwegen. Rechts: Symbol aus Kalifornien, USA. 4200- 3600 v. Chr.

Aus den ersten Bildzeichen hat sich die Buchstabenschrift systematisiert. Erst die Erfahrung, dass zwar sachbezogene Attribute, nicht jedoch abstrakte Bedeutungen, komplexe Zusammenhänge, Laute, Emotionen, Aktionen und Zeiten bildzeichenhaft übersetzt werden können, führt zu einer Differenzierung der Zeichen. Die Bildzeichen entwickeln sich über Lautsymbole, Wortzeichen und Silbenzeichen letztendlich zur abstrakten  Buchstabenschrift. Piktogramme bilden demnanch die ältesten Verständigungs- und Schriftsysteme. Sie sind weltweit nachweisbar. Ein einziger lokaler Ursprung lässt sich nicht bestimmen. (4)

mannfrau

Frau- und Mannzeichen im Vergleich. Die sumerischen Zeichen der Bilderschrift- links- ( um 3500 v.Chr.), verhältnismäßig zeitgleich zu den figürlichen ägyptischen Hieroglyphen -rechts-  (um 3000 v.Chr.) gebraucht, drücken sich inhaltlich weitaus differenzierter aus. Vulva und Penis stehen atributiv für die geschlechtliche Funktionsbeschreibung. (9)

essen

Das Piktogramm für »essen« der ägyptischen  Hieroglyphen bedienen sich der gestischen Darstellung. Links
Das hethitische Ideogramm (um 2000 v.Chr.) für „sprechen“ – rechts- stellt sich deutlich abstrakter dar. Als Fortentwicklung der Piktogramme sind die Ideogramme zu nennen. Sie erfassen auch Dinge, die bildlich nicht mehr darszustellen sind, da sie abstrakte Dinge oder konventionell festgelegte Bedeutungen vertreten.

schwanger

Archaische Zeichen der chinesischen Bilderschrift. Von links: Mann, Frau, schwanger. (10)

mixteken

Mixtekische Inschrift (Ausschnitt)(um 1500 bis 1700 v.Chr.) Die Bilder sprechen wie zeitgenössische Comics. Sprechblasen symbolisieren, dass etwas gesagt wird. Oder, wie hier, mit spitzer Zunge ausgesprochen wird. (11)

Schrift ersetzt schließlich das Bild als Wissens- und Informationsträger und prägt bis heute die menschliche Fortentwicklung und intellektuelle Entfaltung. Das geschriebene Wort ist die Quelle allen Wissens und die Plattform der Wissenschaft. Text dient der Einsicht und Erkenntnis. Bilder hingegen dienen der Anschauung und sind bis zur Alphabetisierung dem einfachen ungebildeten Menschen vorbehalten. Bilder werden in Tempeln, Kirchen und anderen öffentlichen Plätzen verwendet, um politische und reliöse Botschaften den Lesenunkundigen , die dennoch in der Lage waren, die spezifische Ikonographie zu decodieren, mitzuteilen. Vom Mittelalter bis ins 19.Jahrhundert werden bebilderte Bibeln genutzt und noch heute lesen Kinder Bilderbücher. Daran ändert auch der Buchdruck nichts Wesentliches. Wissen ist nichts desto trotz an den Buchstaben gebunden. Diese Auffassung gipfelt in den Ideen der Aufklärung des 18.Jahrhunderts. Kant formuliert in seiner „Kritik der Urteilskraft“ den zwingenden Zusammenhang von Schrift und Vernunft. Denn Theorie und Wissenschaft sind einzig an Verschriftlichung gebunden, da ausschließlich Schrift sinnstiftend und erzählerisch Zusammenhänge schaffen kann. Bilder verbannt Kant in ein intellektuelles Abseits. Und tatsächlich zeigt sich seit der Alphabetisierung und der Schulpflicht im neunzehnten Jahrhundert, dass nahezu ausschließlich Schrift/ Text als allgemeines und gültiges Kulturmedium geschult wird. (5)

Bilder und Zeichen haben in ihrer kommunikativen Funktion, neben der phonetischen Schrift, zu jeder Zeit ihre Gültigkeit behalten und sind als solche immer genutzt worden. Heute erreichen sie eine Bedeutung, die weit über ihren unterschätzten kommunikativen Möglichkeiten hinausreicht, denn sie ersetzen in weiten Bereichen erneut die Schrift. Spätestens seit Einzug des Fernsehens hat die Bildinformation die Kultur der Verschriftlichung in ihrer Ausschließlichkeit relativiert.  Bildhafte Informationen prägen in einem solchen und ganz selbstverständlichen Maße unseren Alltag dass Vilém Flusser kommentiert, die Schrift besäße nur noch bildentwerfende und -beschreibende Funktion. Das Alphabet ist zu einem Hilfscode geworden, mit der Absicht, „Bilder zu machen.“ Er beschreibt:”„Am Ausgang aus der Schriftkultur wendet sich das Alphabet in sein Gegenteil. Es wurde von den Bildern ausgesandt, um diese zu überholen, und es kehrt jetzt zu ihnen zurück, um sie wieder herzustellen. Sieht man die Schriftkultur in ihrer Gesamtheit als eine einzige, dreitausend Jahre lang laufende Zeile, so erkennt man sie als eine Schleife, die von den Bildern ausgeht, um zu ihnen zurückzukehren.“(6)
Piktogramme ersetzten nicht nur Schrift, sie wollen selbst Schrift sein, und in signalhafter Kürze äußerst wirksam kommunizieren. Yukio Ota beschreibt:“Pictograms have the possibility of filling the gap between the technical civilization, witch is making rapid progress throughout the world, and the language culture. It can even be said that in drafting the framework for recognition an practice, pictograms work most effectively.“(7)

(1) Adrian Frutiger, der mensch und seine Zeichen, Schriften, Symbole, Signets, Signale, Paris 1978, 3. Auflage1991,Fourier verlag GmbH, Wiesbaden, Seite 347
(2) Michael Evamy „World Without Words“ Laurence King Publishing Ltd, London, 2003.
(3) Matthias Götz, das grafische Zeichen, in „Visuelle Kommunikation, ein Design- Handbuch“, Anton Stankowski, Karl Duschek, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, 1989
(4) David Crystal, Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Campus Verlag, Studienausgabe 1995. Nach D.Diringer 1968
(5) Frank Hartmann, Erwin K. Bauer,“Bildersprache“,Otto Neurath Visualisierungen, WUV Universitätsverlag, Wien, 2002
(6) Vilém Flusser, Die Schrift: hat Schreiben eine Zukunft? 4.Aufl., Göttingen: European Photography, 1992. Seite 134.
(7) Yioko Ota, Pictogram Design, Kashiwa Shobo Publishers, Ltd., Tokio 1987
(8) nach Harald Braem, Christof Heil, „Die Sprache der Formen“ Die Wurzeln des Design, Seite 22ff, Wirtschaftsverlag Langen Müller/Herbig,München 1990
(9) nach Adrian Frutiger, Symbole, Zeichen, Wanderungen, Syndor Press, Cham, Ch, 1997
(10) nach Adrian Frutiger, Symbole, Zeichen, Wanderungen, Syndor Press, Cham, Ch, 1997
(11) Viola König, „Auf einen Blick“, Comics, Icons, Piktogramme: Die Bildzeichen kann jeder verstehen…., Die Zeit , 6.Aug.1998
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