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November 8, 2009

Von Neurath bis ISO und DIN

Filed under: Ursprung — zeig2 @ 7:42 pm

neurath

Die Systematisierung einer grafischen und bildhaften Sprache, die global und sprachunabhängig verstanden werden kann hat Tradition. Die Entwicklung von piktogrammhafter Bildsprache ist unmittelbar mit dem 1882 geborenen Wiener Sozialphilosophen Otto Neurath verbunden. Er gilt als Vater des Piktogramms, so wie es heute verstanden wird. Neurath will Wissen demokratisieren und Bildsprache eine pädagogische Funktion zuordnen, um Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Forschung als Wissen in die Praxis kommunizieren zu können.

Die Adressaten sind nicht das Bildungsbürgertum, sondern das Arbeiterproletariat. Frank Hartmann beschreibt: „Das sozialreformerische Anliegen Otto Neuraths war es, hier neue Mittel und Wege der Erkenntnisgewinnung zu schaffen: Durch den Einsatz von Bildern und Zeichen, die intuitiv verstanden werden können, entsprechende Reflexionsprozesse in Gang setzen und damit die Basis für politische Umgestaltung schaffen.“ (1)
Mit seinem ISOTYPE, dem »International System of Typographic Picture Education« genannten Bildsystem machte er tatsächlich wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich. Bis in letzter Konsequenz ließ sich seine Idee allerdings nicht durchsetzen, denn je mehr die Darstellungen detaillierte Zusammenhänge veranschaulichen sollten, umso mehr verlangte das ISOTYPE denn doch, wie Vokabeln gelernt zu werden.

Neurath erkannte, als er sein ISOTYPE, das »International System of Typographic Picture Education« entwickelte, dass Bildsprache Hintergrundwissen verlangt: „Der erste Schritt von den wissenschaftlichen Sätzen zu den Bildern hat einen Namen: “Transformation“. Für Transformieren und für Zeichen – das Schreiben der Bildersprache – ist es notwendig, nicht nur die Regeln zu kennen, sondern in ihrem Gebrauch geübt zu sein.“ „Die ISOTYPE Bildersprache ist nicht Zeichen für Zeichen einer Wortsprache zugeordnet. Sie ist eine Sprache, die auf sehr verschiedene Weise in Worten ausgedrückt werden kann. Die Einheiten der Bildersprache haben in verschiedenen Stellungen verschiedene Bedeutungen…Wie Worte werden auch Zeichen immer wieder verwendet, und ganz andere Aussagen damit gemacht….Die Anwendung einer Bildersprache ist aber viel begrenzter als die von normalen Sprachen. Die Bildersprache eignet sich nicht, um Ansichten auszutauschen, um Gefühle und Befehle auszudrücken. Sie ist aber keine Konkurrenz zur normalen Sprache; vielmehr ist sie eine Hilfe innerhalb enger Grenzen.“

mausefalle

Mit allen Aspekten ihres praktischen Nutzens zeigt sich die Bildsprache besonders deutlich am Beispiel der Bedienungs- bzw. Gebrauchsanweisungen. Seit kompliziertere technische Gerätschaften in täglichen Gebrauch genommen werden, setzen wir uns mit bildlichen Gebrauchsanweisungen auseinander. Komplexe Informationsinhalte können visuell klar nachvollziehbar strukturiert und als Handlungsanweisung bildlich in aller Deutlichkeit veranschaulicht werden. Nicht jedermann verständliche Fachtermini können weitestgehend vermieden und komplexe Zusammenhänge bildlich demonstriert werden. Die Verständigung wird vergleichsweise unkompliziert, denn der gedankliche Transformationsprozess des Benutzers wird um die Leistung des sich Vorstellens erleichtert. Dieser Umstand ist nicht nur für den Benutzer von Vorteil, auch die Gerätehersteller sind auf unkomplizierte Verständlichkeit bedacht. Gesetzliche Verpflichtungen zwingen ihn, eindeutige und für jedermann begreifliche Gebrauchsanleitungen beizulegen, denn er wird für Fehler und Schäden, die auf Grund unzureichender Information über Sicherheit, Zusammenbau und Handhabung entstandenen sind, haften müssen.(2)

Aber Neuraths Idee wurde aufgegriffen und in anderen Zusammenhängen weiterentwickelt.

Bildsprache hat sich zu einem ernst zu nehmenden, sozialen und demokratischen Kulturgut entwickelt. Sie ist einem maximalen Anteil aller Menschen zugänglich und kann sich auch den Sprach- und Schreibunkundigen vermitteln. Dabei kommt es der Akzeptanz und der Verständlichkeit zu Gute, wenn nationale Charakteristika bei den Bildumsetzungen und Zeichenanwendungen berücksichtigt werden. Nicht nur die nationaltypische Bekleidung der Figurdarstellungen erleichtert den Zugang. Die regional- und nationalindividuelle Prägung der Zeichen zeigt sich im Ausdruck einer spezifischen Ästhetik und Formsprache und bewirkt, bei aller internationalen Verständlichkeit nicht nur individuellen Ausdruck, sondern vielmehr nationale Identifikation.indien

Sechs, des 21 Symbole umfassenden indisches Zeichensystems für die Orientierung in Krankenhäuser. Entworfen auf Basis des »Standard Isotype Systems« von Ravi Pooahaiah, Industrial Design Centre des Indian Institute of Technology. In Indien besteht nicht nur das Problem des hohen Analphabetentums, sondern gleichzeitig der Sprachvielfalt. Es werden 14 Hauptsprachen und 1600 Dialekte gesprochen. Gesellschaftliche und religiöse Konventionen machen es zudem notwenig, ganz besonders den Status von Geschlecht, Kaste und Religionen zu berücksichtigen. (www. idc.iitb.ac.in)

Mit dem Anspruch einer kultur- und bildungsunabhäng funktionierender Verständigung über Bildzeichen stellt sich zwangsläufig die Forderung nach internationaler Festlegung und Vereinheitlichung der Bedeutung von Symbolen und Zeichen und Signalen. Denn bis dato wird mehr oder weniger willkürlich der Forderung einer deutlichen Aussage entsprochen, die ein Bildzeichen wirksam und inhaltlich richtig kommunizieren lässt. Das 1949 von den Vereinten Nationen initiierte Genfer Protokoll beschließt die internationale Vereinheitlichung von Straßenverkehrzzeichen. Die Nationen einigen sich auf ein einheitliches System und ergänzen das bereits seit 1909 existierenden Zeichenbestand um mittlerweile notwendig gewordene neue Signale. Tatsächlich bilden diese Zeichen und Signale die ersten grafischen Symbole, die auf Grund einer Vereinbarung international genutzt werden 1963 wird in London das »Council of Grafic Design Association« (ICOGRADA) gegründet, um das internationale Vorhaben zur Vereinheitlichung von Bildzeichen zu fördern. Der »Symbol Plan« der Vereinten Nationen beginnt 1964 mit dem Aufruf zum internationalen und verbindlichen Gebrauch von 7 ausformulierten Bildzeichen, darunter »Männertoilette«, »Frauentoilette«, und »Toiletten«.

Besonders relevant ist die internationale Verständigung für Großveranstaltungen und Schnittpunkte internationaler Verkehrwege. Die Olympischen Spiele sind denn auch der Anlass für das erste strukturierte Bildzeichensystem und einer noch immer gültigen Piktogrammauffassung. Das Piktogrammsystem wird 1964 Tokio vorgestellt. Der Frage folgend, wie ein Publikum unterschiedlichster Kulturen, unterschiedlichsten Alters, Erfahrungen und Interessen mit einfachsten Mitteln informiert werden kann, entwickeln Masaru Katzumie und Mitarbeit von Yoshiro Yamashita ein zeichenhaftes und geometrisches Körperalphabet zur Darstellung aller Sportarten und 39 allgemeiner Informationszeichen. Zum ersten Mal werden nur wenige, aber definierte grafische Elemente genutzt und so kombiniert und arrangiert, dass eine große Anzahl von Bedeutungen und Objektbeschreibungen übersetzt werden kann. (3)

tokyo1964

Olympische Spiele in Tokyo, 1964

1967 wird Otl Aicher vom Organisationskommitee beauftragt, das visuelle Erscheinungsbild der XX Olympischen Sommerspiele 1972 in München zu gestalten. Aicher entwickelt seine konsequenten syntaktischen Piktogramme. Er perfektioniert die geometrische Formgebung der Zeichen mit Hilfe eines formalistisch strukturierten Rastersystems und erklärt das System zum Prinzip der Piktogrammgestaltung. Das Raster definiert die Mikroelemente und vereinheitlicht deren Kombinationsmöglichkeiten. Die Darstellungsgrößen sind in ihren Verbindungsprinzipien und Proportionen durch das zugrundeliegenden Raster bestimmt. Im Raster lassen sich die Bewegungsformen kennzeichnen, so dass die Mikroelemente, wie Beine und Arme in ihren Stellungen immer gleiche Winkelmaße erhalten. Typisch für seine Menschdarstellungen ist, dass Arme und Beine aus paralellen Linien bestehen, während der Kopf frei schwebt.münchen

Olympische Spiele in München, 1972

Das »American Institute of Grafic Art« (AIGA) lässt in Zusammenarbeit mit dem U.S.Department of Transportation international anerkannte Zeichen entwickeln, die den Anforderungen von Lesbarkeit in den unterschiedlichsten globalen Kulturen, Alterstufen, aber auch Distanz und Entfernung zum Schild genüge tun. Seit 1970 sind die von der AIGA entwickelten Zeichen die weltweit meist eingesetzten Zeichen. (4)aiga

American Institute of Grafic Art (AIGA). Dieses Zeichen ist wohl das geläufigste der Welt. Es wurde für das amerikanische »Department of Transportation« konzipiert und 1970 umgesetzt: Alle Linien haben die gleiche Stärke, die Ecken sind abgerundet. Das macht das Zeichen lesbar wie Buchstaben.
Im Unterschied zu den Piktogrammen Otl Aichers unterliegen es keinem urheberrechtlichen Schutz und kann im Internet kostenfrei heruntergeladen werden. Es steht also jedermann weltweit zur Verfügung.

Aus der allgemeinen Vereinbarung über die grafischen Symbole werden schließlich Normen festgelegt. Es werden Normenkataloge für die formale Gestalt von Bildzeichen und Piktogrammen erstellt. Zahlreiche Normierungsausschüsse legen die Kriterien fest, die ein optimal benutzbares Zeichen beeinhalten sollte.(5) testfahrstühle

Piktogramme im Vergleich. Von links: Iso 7001, ICOGRADA (International Council of Graphic Design Association), Otl Aicher, ADCA (Australien Department of Civil Aviation). Sie wurden in der ISO Testserie 1979/80 (Easterby und Gordon, 1981) für fast ungeeignet erachtet.
Das Kriterium der Abgrenzung zu den konventionellen Zeichen für Toilette ist bei den rechteren 4 Piktogrammen nicht erfüllt, da keine Unterscheidungsmerkmale der Frau-/Manndarstellungen zu denen der Toilettenbezeichnung vorhanden ist. Aber auch die zu großen Pfeile sollen zu Verwechselung mit den Richtungsweisern anderer Zeichen verwechselt werden können. Das Zeichen ganz rechts erschien den Juroren zu abstrakt. Der Normausschuss sprach daher die Empfehlung aus, das Piktogramm Nr. 021 in ISO 7001 zu entwickeln. “Bereits die Haltung der abgebildeten Person unterscheidet sich klar von jenem Zeichen für Toilette. In Verbindung mit der Darstellung von Druckknöpfen in vertikaler Anordnung werden die Assoziationen mit Fahrstuhl verstärkt. Die verwendete Pfeilgröße und Anordnung deutet die Bewegungsrichtung des Fahrstuhles an, ohne als Wegweisung missverstanden zu werden.” (6)

Der Internationale Normausschusses (»International Organisation for Standardisation« mit seinen Hauptsitz in Genf) ISO, führt weltweit Testserien durch, die eine wissenschaftliche fundierte Kriterien bei der Beurteilung für sich in Anspruch nehmen und unter der maximalen Berücksichtigung von semiotischen und wahrnehmungsspychologischen Erkenntnissen nach einem optimalen Ausdruck in den Zeichen sucht. ( http://www.iso.org) Sie überwacht die Norm ISO 7001, die normierten “grafischen Symbole zur Information der Öffentlichkeit”. In der Norm ISO 9186 sind Verfahrensweisen und Kriterien zur Einschätzung und Überprüfung der Verständlichkeit von Piktogrammen festgelegt. Hat ein Zeichen im Vergleich zu anderen internationalen Zeichen mit dem selben semantischem Inhalt, aber anderer darstellerischen Ausformulierung, Bestand, muss es sich einem speziellen psychologisch, kognitiven Testverfahren zur Überprüfung seiner Verständlichkeit unterstellen, bis schließlich die Normierung bei dem zuständigen ISO Ausschuss beantragt werden kann.(7)
In Deutschland erarbeitet das DIN (Deutsches Institut für Normung e. V.) die Normung von Bildzeichen. Das Ziel der Normung im DIN ist es, weltweit einheitliche Normen zu erarbeiten. (8)(www.din.de)

Die in den 70er Jahren entwickelten und standardisierten Bildzeichen haben sich international etabliert, sie sind gelernt und werden, ohne hinterfragt zu werden, benutzt. Gängige Zeichen unterscheiden sich nur noch in ihrer formalen Ausprägung und den syntaktischen Anforderungen des jeweils eigenen Piktogrammsystems.

Ständig werden neue Zeichen entwickelt, um neuen Ansprüchen zu genügen, das Piktogrammsystem Otl Aichers, 1974 umfasste es noch 34 Piktogramme, wurde von ERCO (www.piktogramm.com) auf mittlerweile auf 987 Zeichen aufgestockt.

(1) Frank Hartmann, Erwin K. Bauer,“Bildersprache“,Otto Neurath Visualisierungen, WUV Universitätsverlag, Wien, 2002, Seite 24.
(2) Jona Piehl, Gebrauchsanleitungen optimal gestalten, über sinnvolle und verständliche Gestaltung, Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, 2002.Seite 58
(3), (4) Ellen Lupton und Abbott Miller, Design Writing Research, Writing on Graphic Design, London1996
(5) http://www.get2testing.com
(6) Ch. Brugger Verständlichkeitstest ON 2000. Bericht an das österreichische Normungsinstitut, Wien, November 2000, http://www.get2testing.com
(7) Christopf Brugger in “Wegweiser durch japanische Stadien”, FAZ am 26.05.02
(8) http://www.din.de
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