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November 16, 2009

Sinn und Unsinnlichkeit

Filed under: Betrachtung — zeig2 @ 7:03 pm

sinnundsinnlichkeit

Piktogramme erheben keinerlei Anspruch, wie Bilder betrachtet zu werden weil sie ausschließlich funktionale Zeichen sind. Und doch möchte ich dies im Folgenden tun. Anlass sind die Zeichnungen und Überzeichnungen, die den Zeichen, über deren geplante Sachlichkeit hinaus, ganz ungeplant bildhafte und erzählerische Aspekte verleihen.

Eine Aussage in ein Zeichen zu übersetzen bedeutet, (wohl unter Berücksichtigung einer womöglich bereits konventionalisierten Symbolik) eine Form zu finden und so auszugestalten, dass sie geeignet ist, von allen Menschen gleich empfangen werden zu können. Die gefundene Form wird stets Zeugnis ihrer Entstehungszeit sein und über ihre Zeit hinweg sprechen, denn alle gestalterischen Ausdrucksmittel sind archaisch in uns verankert und kulturell bis zu uns weitergetragen. Die dogmatische Reduktion mancher heutigen Piktogrammdarstellungen, die schablonenhafte Erscheinung reicht zuweilen jedoch kaum aus, um überhaupt noch, weder gestern noch heute oder übermorgen, als (Mensch-)Darstellung verstanden werden zu können.

Menschliche Kommuniaktion beinhaltet aber nicht nur technische Ausdrucksformen und formalistische Versachlichungen. Erst erzählerische Tiefe, bildhafte Formulierungen und mitreißende Ausdruckskraft machen unsere Kommunikation zum Genuss menschlichen Austausches. Piktogramme entstammen jedoch grafischen Systemen, die ihrer ganz eigenen  technokratischen Logik folgend Formen entwickeln. Jedes überflüssige Merkmal, jeder noch so kleine Schnörkel wird dabei vermieden, um dem syntaktischen und damit dem Anspruch einer semantisch präzisen Korrespondenz genügen zu können.
Und genau deshalb
sprechen Piktogramme in der Regel ausdruckslos und unpersönlich. Die Figuren wirken selten menschlich und begegnen uns als seelenlose, in ein Raster gepresste und vorzugsweise auf die Grundformen Dreieck, Kreis und Quadrat zurückgeführte Übertreibungen. Nach Andreas Stötzner verhungern diese Zeichen am Mangel an Erzählfreude und erfrieren vor lauter Geometrie: ”…so kann nicht genug betont werden, dass das “Grundformendogma” nichts als barer Unsinn ist. Jegliches Ding nur nach den Stanzformen der Zeichenschablonen bilden zu wollen, entspricht einer schematischen Denkweise, die der Wirklichkeit mit mechanisierter Voreingenommenheit zu begegnen sucht. Das Ergebnis ist eine immense Population von Siebzigerjahre-Männchen, die alle nur aus begradigten Bockwürstchen zu bestehen scheinen.” (1)

An keinem Ort sind die Frau- und Mannpiktogramme davor sicher, überzeichnet, bemalt, beklebt, zerkratzt – verändert zu werden. Und es ist erst das anonyme und laienhafte Eingreifen, das die leblosen Zeichen erfahren müssen, um eine einigermaßen sinnliche und erzählende Ausstrahlung zu gewinnen. Ob konstruktiv oder destruktiv gemeint, die grafittihaften Einschreibungen bringen letztendlich und im wahrsten Sinne des Wortes “neue“ und konnotative Zeichen hervor.

Die übertriebene Geometrie der Formsprache von Piktogrammen scheint geradezu zu provozieren, Schwung  in diese technoide Zeichensprache zu bringen. Die drastische Reduktion einer Piktogrammform, die noch dazu einen Menschen darstellen will, wird gewöhnlich als zu fragmenthaft empfunden. Sie fordert geradezu eine Interpretation, aber noch vielmehr die konkrete Ausformulierung und Ausschmückung heraus. Die Schablonenhaftigkeit und die menschliche Figürlichkeit eines Zeichens stimulieren den Wunsch, etwas hinzuzufügen. Es ist also kein Wunder, wenn manche Interventionen das Menschzeichen zu einem “menschelnden”, sympathischen und nicht nur signalhaften, sondern auch emotional nachvollziehbaren Zeichen machen will. Wir ( Benutzer) wollen uns (wieder-)erkennen, damit wir uns identifizieren können. Und mit Menschdarstellungen kennt sich jeder aus, auch der, der kein Gestalter ist.

Aber auch die Zeit macht die Ordnung des Piktogrammsystems zunichte, lässt es zur Theorie werden und lässt neue Zeichen wachsen. Die gestaltende Rolle spielen Witterung aber auch Materialermüdung oder -abnutzung nämlich dann, wenn sich die Zeichen vom Untergrund lösen oder wenn sich ihr Trägermaterial auflöst und zerfällt. Wie jede beabsichtigte Be- und Überarbeitung, Entfernung, Umformung untergräbt die Zufälligkeit des Verschleiß die konzeptionelle Gestaltung des ursprünglich auf Neutralität getrimmten Zeichens. Die ehedem konnotationsfreie Silhouette ist im Laufe der Zeit Einflüssen ausgesetzt, die durchaus dazu beitragen können, die Menschdarstellung als Darstellung einer Person erscheinen zu lassen und als bildhafte Darstellung eines bestimmten Individuums mit Geschichte lesbar zu machen.

Alle diese Manipulationen zeigen, dass kleine Anzeichen von Lebendigkeit und Sympathie zwar die semantische Sachlichkeit eines Piktogramms beeinträchtigen, ohne dass dies jedoch irgendeine Behinderung für dessen zweifelsfreie Deutung darstellen würde. Die äußeren Einwirkungen, der willkürliche oder zufällige Eingriff in die Systematik des Piktogramms, die gaffitihafte oder witterungsbedingte Verwandlung der Zeichenform geben dementsprechend einen ersten primitiven Hinweis auf die Funktionsfähigkeit eines Zeichens – trotz Missachtung eines Gestaltungsraster und trotz Zustandekommens einer womöglich bildhaften Aussage.

Ich möchte die Erscheinungsformen manipulierter Piktogramme unterscheiden:

Reklamation
Der menschliche Wahrnehmungsprozess beinhaltet die Tendenz zur »guten Gestalt« und »Vervollständigung«. Nicht vorhandene Teile einer Gestalt werden, auf Grund erinnerter und erfahrener Figuren, im Verlauf des Wahrnehmungsprozesses ergänzt. Das menschliche Wahrnehmungssystem sucht dabei ständig nach Zusammenhängen und größtmöglicher Deutlichkeit, Einprägsamkeit und Einfachheit.
Intuitiv neigen wir also dazu, in jeder Abstraktion etwas Vertrautes, Menschliches zu suchen und tatsächlich auch zu erkennen. Entsprechend sind wir in der Lage, anhand noch so rudimentärer Überreste piktografischer Menschdarstellung Figürlichkeit zu assoziieren. Nicht selten reichen die rein zufällig erhalten gebliebenen Zeichenfragmente absolut aus, um in ihrer neu gewonnenen Zeichenhaftigkeit nicht nur eine Figur zu erkennen, sondern sogar die Unterscheidung der Geschlechter auszumachen.

Amputationen
Primitive und als illustrative Mittel wahrnehmbare Manipulationen von Piktogrammen finden immer dort statt, wo Zerkratzen oder Entfernen den Verlust ganzer oder kleiner (Körper-)Teile der Zeichenfigur bedeutet. Die Fehlstellen können wie absichtlich angewandte, grafische Gestaltmittel wirken. Sie geben dem Zeichen einen lebendigen Ausdruck, der durch die Identifikation mit dem grafischen Menschabbild, geleitet ist. Die Entfernung von Gestaltteilen kann, in Vorstellung an eine reale Person, so verstanden werden, dass sie durchaus als Verletzung – nicht des Zeichens– sondern eines Menschen, wahrgenommen werden kann. Im Denken an eine reale Person kann die Entfernung von Gestaltteilen des Bildzeichens freilich sogar beunruhigend wirken, weil sie als Verletzung der dargestellten Person interpretiert werden kann.

Operationen
Korrekturen, die im Sinne des Piktogramms „falsch“ ausgeführt sind, Reparaturen, die in mangelnder Kenntnis der grafischen Konstruktion vorgenommen werden bringen, wenn auch unbeabsichtigt aber gut gemeint, immer neue Zeichen hervor. Auch diese Erscheinungen erzählen zuweilen mehr, als es die Informationspflicht ihrer Menschdarstellung abverlangen würde.

Imitationen
Die Zeichengestaltung ohne Gestaltererfahrung und ohne konkrete formale Vorstellung, oder die Nachahmung aus der reinen Erinnerung an bekannte Zeichen sind Garanten für den (oftmals schmunzeln machenden) absoluten gestalterischen Bruch mit dem Original und für den Erfindungsreichtum immer anderer und individuellerer Bildzeichen. Die zweifellose Laienhaftigkeit des darstellerischen Tuns birgt gelegentlich eine überraschend eigenwillige, wenn auch zufällige darstellerische Qualität, die diesen Zeichen eine zweifellos unverwechselbare Besonderheit verschafft.

Sexualisierung
Nach Martin Schuster (2) kann die Direktheit eines Zeichen, als Schlüsselreiz, Handlungsbereitschaft aktivieren, so wie Bilder, Zeichen und Symbole generell als Reize anzusehen sind, die bestimmte reflektorische Reaktionen beim Betrachter hervorrufen können. Es können instinktive Bereitschaftten ausgelöst werden, ohne dass bewusste Prozesse beteiligt wären. Besonders die seelenlosen Menschzeichen bieten eine willkommene Plattform für das Bedürfnis, sich mitzuteilen und seiner eigenen Individualität Ausdruck zu verleihen, um damit wiederum dem Menschzeichen zu Einzigartigkeit zu verhelfen. Die (sexuellen) Überzeichnungen werden vorzugsweise in unbeobachteten Situationen oder in der Einsamkeit eines Ortes realisiert und man kann ohne weiteres annehmen, dass hierbei die assoziative Inspiration durch das Umfeld (im Besonderen des Toilettenraumes) wirksam wird.

Emotionalisierung
Gerade das lapidare Setzen von „Punkt, Punkt, Komma, Strich“ verleiht den versachlichten Figurendarstellungen Individualität und eine identifikationsstiftende Ausstrahlung. Das lächelnde Zeichen wird zum lächelnden Persönchen. Und der Betrachter lacht mit: Auch die einfachsten stilisierten Gesichter enthalten das Minimum an Information, was notwenig ist, um Gefühle zu erkennen. „Freude wird als sehr erwünschte Emotion identifiziert. Gemeinsam mit der Emotion des Interesses garantiert sie, dass Menschen als soziale Wesen agieren. Das Lächeln eines Menschen löst auch auf dem Gesicht eines anderen ein Lächeln aus…..“ (3) Zweifellos ergeht es dem Betrachter bei Darstellungen negativer Emotionen ebenso. Leidet die Zeichenfigur, oder ist aggressiv, fühlt der Betrachter die Regung intuitiv nach.

Additionen
Eine ähnliche Emotionalisierung erfahren die Zeichen, die mit Überklebungen versehen werden. Vorgefertigte Sticker und Etiketten lassen sich äußerst spontan, effektiv und nahezu unbemerkt –  quasi im Vorbeigehen – anbringen. Das Piktogramm wird jetzt zum Träger einer Botschaft, die mit seinem eigentlichen Informationsauftrag kaum mehr etwas zu tun hat. Der Aufkleber beschert dem Zeichen eine unplanmäßig Nebenbedeutung, denn nun kommuniziert es mit bildhaften Zutaten und hat eine assoziativ erzählbare Aussage aufgedrückt bekommen. Das Piktogramm ist zu einem interpretierbaren Bild geworden.

Kommunikation
Als soziale Wesen erscheinen uns die Menschzeichen, deren Gestaltteile ummontiert wurden, oder deren Form mit neuen Elementen versehen wurden. Das verleiht den Darstellungen eine (gestisch) artikulierende Erscheinung: Sie appellieren, rufen und winken uns scheinbar zu und machen es auf ihre eigene spezielle Weise dem Betrachter leicht, sich mit der Zeichenfigur zu identifizieren.

Emanzipation
Das Geschlecht der Zeichenfiguren inspiriert dazu, freilich klischeehafte und übertriebene geschlechtsspezifische Attribute zu ergänzen und zu verstärken. So werden Manndarstellungen bevorzugt zu Piraten, Zeichen für Frau werden mit Frisur- Zäpfchen und Schleifchen verniedlicht. Aber auch die Kleidung wird komplettiert, sie bekommt Farbe und Muster. Zierde, die die Sachlichkeit des Piktogramms konterkariert.

(1) Signa seite 34/35
(2) Martin Schuster, Wodurch Bilder wirken: Psychologie der Kunst, Köln, 2007.
(3)vergl. Seite 149, Terry Landau, Von Angesicht zu Angesicht, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, Oxford, 1993.

Aktualisiert am 8.12.2009

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