zeichenzeigen

Januar 25, 2010

Abstraktion und Konvention

Filed under: Betrachtung — zeig2 @ 4:06 pm

Unabhängig von ihrer Entstehungszeit und dem Grad der grafischen Vereinfachung zeigen bemerkenswert viele Bildzeichen ihre Frauen und Männer nach wie vor in einer Gestik und Körperhaltung, die dem klischeehaften Idealbild der Geschlechter hinsichtlich Souveränität, Stärke, Macht, Anmut, Anstand und Sitte etc. entspricht. Die Frau-Mannzeichen, ansonsten zu zeichenhafter Tatenlosigkeit erstarrt, zeigen sich nichtsdestotrotz als posenhaft herumstehende Darsteller ihrer Symbolik als Toilettenzeichen. Sie spiegeln mitschwingende gesellschaftliche Konvention und entlarven tief verankerte und offenbar noch längst nicht überwundene gesellschaftliche Vorstellungen von geschlechtsspezifischen Attributen und Attitüden.

Allenthalben scheint die Geschlechterunterscheidung an Hand von Bekleidung nicht ausreichend charakteristisch zu sein. Nach weiteren „typischen“ Betonungen für die Geschlechterunterscheidung wird gesucht. Und tatsächlich hilft eine Vielzahl von vermeintlich geschlechtspezifischen Attributen, die sich als ausreichend plakativ erweisen, um den Zeichen weitere Frau- bzw. Manncharakteristika zu geben. Ganz besonders fallen da Gestik und Körperhaltung in den Blick.

Aus ihren feministischen Ansprüchen der 70er Jahre heraus fotodokumentierte Marianne Wex die geschlechtsbedingte Körpersprache. Die sozialisierte Körperhaltung und -bewegung ist demnach gekennzeichnet von einer raumgreifenden, großen Bewegungsfreiraum einfordernden Haltung der Männer, während Frauen sich schmal darstellen, verniedlichend und verharmlosend. Wex untersuchte den historischen Aspekt dieser Selbstdarstellungsformen, vermutend, dass Körpersprache einem Wandel unterliegen müsse. Sie analysierte Malerei und Skulptur und stellt fest, dass bis zur Renaissance keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Darstellung von männlicher oder weiblicher Körperhaltung zu erkennen sein.
Ich zitiere: “ Erst seit Beginn der Renaissance setzte der Umbruch ein. Doch noch bis in das letzte Jahrhundert hinein, scheinen Haltungen, die heute als schwul oder weiblich tabuisiert sind, selbstverständlich gewesen zu sein. Die Festlegung der Frauen auf enge Arm- und Beinhaltungen begann jedoch schon früher, obwohl es in einigen Gebieten Europas mindestens noch bis in das 17.Jahrhundert hinein offensichtlich selbstverständlich war, dass auch Frauen in breiteren Beinhaltungen saßen.“
Wex vermutet Zusammenhänge zwischen der Festigung der patriarchalischen Machtstrukturen der letzten 2500 Jahre und der entsprechenden Ausprägung männlicher und weiblicher Körpersprache. Sie schreibt: „Im Ganzen scheinen Körperhaltungen von Frauen davon abhängig zu sein, ob Männer anwesend sind oder nicht. Wenn Frauen unter sich sind, machen ihre Haltungen einen viel entspannteren Eindruck. …..Bei Männern sieht es so aus, als wären für sie die typischen Imponierposen von Mann zu Mann genauso wichtig wie von Mann zu Frau.“

Erstaunlicher Weise konnte Wex in ihrer fotografischen Untersuchung keine Unterschiede zwischen bewussten Posen (etwa bei Bildern aus den Medien, Zeitschriften und TV) und unbewusst eingenommenen Haltungen feststellen. (1)

Anzeigenmotiv des Modelable S.Oliver
John Berger beschreibt das Phänomen der Körpersprache ähnlich. Er behauptet, dass die konventionelle Erwartung an die bildliche Erscheinung einer Frau sich bis heute sehr deutlich von dem unterscheidet, wie ein Mann daherkommt.
Ein Mann handelt aktiv, sein eindrucksvolles Auftreten ist, ich zitiere John Berger: „… abhängig von der Verheißung der Kraft und der Macht, die er verkörpert.“
Im Gegensatz dazu ist das Auftreten und damit die Erscheinung einer Frau von Selbstbeobachtung und Zurschaustellung geprägt: „Sie muss alles prüfen, was sie ist, und alles, was sie tut, …ihr eigenes Selbstgefühl wurde durch das Gefühl verdrängt, etwas in der Einschätzung anderer zu sein…Männer sehen Frauen an, Frauen beobachten sich selbst als diejenigen, die angesehen werden… und somit verwandelt sie sich selbst in ein Objekt, ganz besonders in ein Objekt zum Anschauen, zu einem »Anblick «“.

Berger folgert, dass die Darstellung von Frau stets so ausfällt, dass der (männliche) Betrachter glauben muss, die Frau wisse, dass sie angesehen wird und die alltägliche Bilderwelt beweist, dass sich Frau nach wie vor bereitwillig und den Konventionen genügend als visuelles Objekt zur Verfügung stellt.

Was hier für Bilder grundsätzlich gilt, findet sich dann eben auch in der zeichenhaften Darstellung von Menschen wieder. Denn diese konventionellen Sehgewohnheiten werden bei der Gestaltung von Piktogrammen bedient. Nach wie vor zeugen Mannabbildungen von der tradierten Vorstellung von männlicher Eloquenz, während Frauabbildungen auf die Klischeedarstellung eines Betrachtungsgegenstandes reduziert werden.

Im Folgenden möchte ich alle Besonderheiten der Darstellung
von Männer- und Frauzeichen im Detail beschreiben.

Gesten und Posen

Die Frauendarstellungen wirken modellhaft und posierend grazil, mal schüchtern, mal kokett. Die Männer treten gelassen, ja nonchalant auf. Die Figuren scheinen sich ihrer Geschlechtlichkeit bewusst zu sein und setzen sich eitel in Szene. Stand- und Spielbein stabilisieren die Körperhaltung, wobei das Körpergewicht je nach Geschlecht unterschiedlich verlagert wird: Die Manndarstellungen wirken aktiv auf den Betrachter zuschreitend, während die Fraudarstellungen, zuweilen die Beine gekreuzt, den Körper auf der Hüftachse nach hinten verlagert, lediglich das Becken vorschieben.

Während Frauen mit eng geschlossenen Beinen dargestellt werden, stehen Männer ausladend, raumgreifend und breitbeinig da. Die Darstellungen verweisen also auf die sozialen Erwartungen außerhalb der Zeichenebene. Manche Fraudarstellung wirkt formalgrafisch instabil und scheint balancelos zu kippen. Die stets geschlossenen Beine der Frauendarstellungen lassen sich durchaus als Ausdruck der Vorstellung keuscher Zurückhaltung und sozialer Unselbstständigkeit interpretieren.

Der Mann dagegen bietet Halt. Er erscheint außerordentlich stabil und kräftig: Die Darstellungen wirken martialisch und selbstbewusst. Der maskulinen Wirkung wird noch nachhaltiger Ausdruck verliehen, indem die Beine, weit auseinander gestellt,  den Körperumfang vergrößern. Ohne weiteres kann die eitle Körperhaltung als Imponiergehabe angesehen werden.

Der Körperbau
Die kurze zeichenhafte Beschreibung eines vermeintlich geschlechtstypischen Körperbaus gerät, vergleichbar der Körpersprache zur Pose, unweigerlich zur Karikatur.
Ein geschlechtsspezifisches Merkmal soll z.B. die schmale weibliche Taille in Verbindung mit einer entsprechend breiten Hüfte darstellen. Die direkte Darstellung der primären Unterscheidungsmerkmale wird so zwar vermieden, doch wird mit Schlüsselreizen gearbeitet, die, so der Kunstpsychologe Martin Schuster (2), über das Unterbewusstsein unser Verhalten steuern und uns instinktiv als ästhetisch und schön ansprechen. (Taille- Becken Proportionen sind letztlich Signale für die Breite des Geburtskanals). Der Klischeecharakter einer solchen Fraudarstellung lässt sich dabei jedoch nicht allein an der grundsätzlichen Visualisierung der weiblichen Taille festmachen, sondern vielmehr an deren völlig übertriebenen Formulierung.
Erstaunlicher Weise können jedoch, so Schuster, Schlüsselreize als pure Übertreibung auftreten, ohne den Betrachter tatsächlich in ihrer groben Verzerrung und Unrichtigkeit zu irritieren. Extreme Wespentaillen scheinen also durchschnittliche Attribute eines weiblichen Körpers zu sein.

Bemerkenswert ist, dass, als maskulines Gegenstück zur weiblichen Taille,
die männlich breite Schulter unter den Manndarstellungen kaum zu finden ist.

In der Gesamtbetrachtung aller Zeichen ist, dass sich nur wenige Zeichenbeispiele finden, die den Größenunterschied zwischen Mann und Frau nachvollziehen. Da Männer im Allgemeinen größer als Frauen sind, könnten die Frau-Mannschemata auch mit der Darstellung eben dieses Größenunterschiedes arbeiten.
Als Erklärung steht zu vermuten, dass wohl kaum ein Gendergedanke verfolgt wird, vielmehr schlicht der syntaktische Gedanke einer rasterbestimmten Piktogrammgestaltung, die entsprechend formale gestalterische Bedingungen stellt und also ein Gleichmaß der Längen verlangt.

Die Kleidung

Einige wenige Manndarstellungen haben eine beschriebene Kleidung. Die Darstellungen lassen jedoch nur einfachste grafische Andeutungen von Hose, Hemd oder Jacke erkennen.


Bei den Fraudarstellungen scheint die Bekleidung jedoch einen enormen gestalterischen Fundus zu bieten, um unterschiedlichste Darstellungen neu zu erfinden. Anders als die reduzierte Ausgestaltung der männlichen Bekleidung zeigt sich die Darstellung der weiblichen Bekleidung enorm vielfältig.

(Ich habe hier versucht, die Moden nach ihrer Zeit in Reihenfolge zu katalogisieren. Selbstverständlich lassen sich den konkreten Fraudarstellungen entsprechend konkrete Manndarstellungen zuordnen. Doch zeigt sich immer wieder, dass die Frauzeichen deutlich variationsreicher in Andeutung bestimmter Bekleidung gestaltet werden.)

Als einfachste geometrische Form vertritt zunächst das Dreieck den Rock,
es erweist sich nachgerade als Inbegriff der idealweiblichen Körperform, der so typisch übertriebenen Taille.
Lassen sich an den Zeichen der 50er und 60er Jahre noch eindeutige Bezüge zur jeweiligen Mode ablesen, so versachlicht sich mit der systematischen Auffassung von Piktogrammgestaltung konkrete Modedarstellung zu einer abstrahierten Visualisierung von Textilien. Diese Abstraktion verschafft den Zeichen eine möglichst zeitlose Ausstrahlung. Sie entrinnen ihrer Zeitgebundenheit dennoch nicht ganz: Ihre Darstellung selbst lässt deutlich die jeweils zeitgeistige Auffassung von Formsprache und Darstellungsweise erkennen.
Von jeder Bekleidungsmode und jeder modischen Gestaltungsauffassung unabhängig treten die Rocklängen auf. Sie scheinen vorrangig den Geschmackspräferenzen der Gestalter zu entsprechen und reichen von bodenlang bis Babydollgröße kurz.

Die Acsessoires

Gerade bei Frauendarstellungen fällt die Vielzahl der Frisuren ins Auge. Jenseits der reduzierten Darstellung des Kopfes als Punkt oder Kreis geben Frisuren eine markante Kontur und sorgen trotz aller grundsätzlich reduzierten Formfindung für Besonderheiten des Bildzeichens. Frauentypische Frisuren wie Haarknoten oder Zopf lassen sich ausschließlich in der Profilhaltung des Kopfes darstellen. Der größere Anteil der Fraudarstellungen trägt jedoch einen schulterlangen Pagenschnitt à la Doris Day. Die Symmetrie der Zeichenform bleibt somit ungebrochen.
In seiner Geschlechtszuordnung über jeden Zweifel erhaben ist das Bildzeichen, das mit mädchenhaften Zöpfchen Weiblichkeit ausdrückt.

Im Unterschied zu den weiblichen Darstellungen zeigen sich Männerköpfe häufig im Profil, denn nur aus diesem Blickwinkel lässt sich ein maskuliner Kurzhaarschnitt hervorzuheben. Zwar bricht die Profildarstellung die Symmetrie des Zeichens, aber Stirntolle oder Koteletten geben den Schattenrissen eben eine so augenfällige Silhouette, dass sie auch wirklich als männlich erkannt werden kann.

Mann trägt Hut, Stock, Schirm und Tasche – nun, Frau auch.
Die Dekoration mit zierenden Extras dieser Art findet sich zwar nur vereinzelt, jedoch bereichert sie das Repertoire der darstellerischen Möglichkeiten, um den Figuren als nahezu realistische Darstellung Nähe zu möglichen realen Vorbildern zu verschaffen und ihnen Individualität einzuhauchen.

Gerade Hüte geben den Schattenrissen eine charakterisierende Anmutung und unterstützen die Unterscheidung der Geschlechter. Die Darstellung der Accessoires erweitert die Menschform über deren Figürlichkeit hinaus, ohne als Binnenzeichnung die flächige Ausprägung zu zerstören. Die Assessoires lassen sich additiv ausgestalten, quasi Zeichen +. Manch ein Zeichen erscheint wie ein Scherenschnitt, der von einem realen, lebendigen Vorbild inspiriert zu sein scheint.

Eine letzte geschlechtsbeschreibende Auszeichnung scheint das Rauchen zu sein: Da ausschließlich rauchende Männerfigurinen auszumachen sind, muss man wohl davon ausgehen, dass das Rauchen den Männern vorbehalten ist bzw. als maskulines Attribut anzusehen ist.

1 Barbara Wex , Weibliche“ und „männliche“ Körperspreche als Folge patriachalischer Machtverhältnisse, 2. Auflage 1980, Barbara Wex Verlag Frankfurt.
2 Martin Schuster, Wodurch Bilder wirken, 3. Auflage, Köln 1997
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